Thematisierte ich in meinem Buch (Stenzel 2022, S. 250f) im Rahmen neuer Innovationsimpulsen für Coaching-Angebote i.e.S. und für deren bisher zugrundeliegenden Geschäftsmodelle i.w.S. (Stenzel 2022, S. 270f.) die Sinnhaftigkeit von milieu- oder klassenbasierter Servicezuschnitte im Coaching, wurde diese eher soziologische Perspektive nicht stärker vertieft. Obwohl auf die Milieuanalysen der DELTA- und SINIUS-Institute rekurrierend, erschienen die Cluster zu holzschnittartig, um unmittelbar konzeptionell darauf aufzusetzen. Kontextualisiert jedoch durch die sich aus dem aktuell vollziehenden „Strukturwandel der Moderne“ ergebende „Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz (2017), wird die enorme Bereicherung durch diesen Ansatz sichtbar. Nachfolgend daher eine entsprechender Perspektivenwechsel.
Ausgangspunkt der Reckwitz´schen Gesellschaftsanalyse ist die in der Spätmoderne, d. h. die nach den 1970er-Jahren kontinuierlich durch systematische gesellschaftliche Bildungsanstrengungen erstarkte „neue“ oder „akademische Mittelklasse“. Hinsichtlich der SINUS-Milieus sieht er (2017, S. 289) diese Gruppe repräsentiert durch die sogenannten „Expeditiven“ (das „kreative Milieu“ i.e.S.), das „liberal-links-intellektuelle“ Milieu, das der „Performer“ sowie das „postmaterialistisch-ökologische“ Milieu. Gemein ist diesen vier Subgruppen, dass sie sich seit den 1980er-Jahren von der als nivellierenden empfundenen Mittelstandsgesellschaft hin zu einer stärkeren Ungleichheit i.S. von Einzigartigkeit, Besonderheiten bzw. Unterschiede fördernde und auch belohnende kulturelle Klassengesellschaft als ein Teil einer sich ebenfalls zunehmend etablierenden Wissens- und Kulturökonomie transformierte. Obwohl naheliegend, verwendet Reckwitz für diesen Prozess nicht den Begriff der Individualisierung, sondern den der Singularisierung. Denn entgegen dem intuitiven Begriffsverständnis von „Individualisierung“, erfassen der Begriff der „Singularitäten“ bei Reckwitz überdies Kollektive (z. B. Unternehmen, Parteien, Staaten etc.) und sogar Dinge. So manifestiert sich die gelebte Singularisierung in den verschiedensten Bereichen wie Lebensstile, digitaler Technologie, Ökonomie, Arbeitswelt und auch Politik. In diesem Kontext soll das Bemühen um eine Singularisierung nur für die Bereiche Lebensstil und Arbeitswelt skizziert werden.
Um das Prinzip des singularistischen Lebensstils in seinen historischen Wurzeln zu verstehen, weißt Reckwitz (2017, S. 285ff.) auf dessen eigentlich gegensätzlichen, kulturhistorischen Wurzeln in der Romantik um 1800 und dem im Bürgertum hin. Verband sich mit der Romantik die Idee von einer emphatischen Individualität des Subjekts, die es zu entfalten und zu verwirklichen galt, stand dieser dann Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Bürgertum und dessen instrumentellen, zweckrationalen und emotionslosem Weltverständnis antagonistisch gegenüber. Begründeten letztere ihren Dominanzanspruch durch einen den späteren gesellschaftlichen Status vorbereitenden Bildungsgang, lebenslangen Fleiß, ein an Effizienz und Effektivität ausgerichteten Arbeitsethos und gehorsame Pflichterfüllung, ging es den Romantikern nach Reckwitz (2017, S. 286) darum, „die Objekte, Subjekte, Orte und Ereignisse und Kollektive zu ästhetisieren, zu hermeneutisieren, zu ethisieren, zu ludifizieren, um aus ihnen affektive Befriedigung zu ziehen“. Dazu hatte alles einzigartig, besonders und authentisch zu sein oder wurde (mystisch aufgeladen) dazu (ver-)erklärt oder aber aktiv zum Gegenstand schöpferischer (Um-)Gestaltung. Begleitet wurde dieser sogenannte Kulturalisierungsprozess von der zuweilen radikalen Entrationalisierung, -normalisierung oder -standardisierung alles (klein-)bürgerlichen. Das Einzigartige, das Singuläre wurde zum goldenen Kalb dieser Ära und für ca. 200 Jahre zu einem sorgsam gepflegten, gesellschaftlichen Antagonismus.
Liegen die Anfänge des Coachings in den 1980er – im Gegensatz zu den USA (Stichwort „Lifestyle-Coaching“; dazu Stenzel 2022, S. 240f.) – in Deutschland eher im Unternehmensbereich, ist dieses Beratungsformat eigentlich seit ihren Anfängen in der Arbeitswelt explizit mit der eben beschriebenen Paradoxie verbunden. Wirksam und deutlich spürbar wurde diese Paradoxie nach Reckwitz (2017, 181f.) einerseits mit den zahlreichen Veränderungen der postfordistischen Arbeitsformen (z. B. TQM, TAGs, Inseln, Lean Production etc.) – andererseits durch die zunehmende Kulturökonomisierung der Arbeitswelt in Form des Bedeutungszuwachses der sogenannten creative economy (vgl. Reckwitz 2017, S. 111ff.). Denn in ihr wird die Arbeitskraft (oder Projektteams), mit ihrer(n) ganzen, einzigartigen, intrinsisch motivierten und kreativen Persönlichkeit(en), selbst zu einem Singularitätsgut, welches seinerseits singuläre Güter (vs. funktional-standardisierte Massengüter) für kulturelle Märkte produziert, die es den Käufern letzten Endes wiederum ermöglichen, einen Unterschied zu machen. Diese Singularisierung der Arbeitswelt, d. h. einer bislang unbekannten, ja befremdlichen Betonung bzw. der Orientierung an Einzigartigkeiten in der modernen Berufswelt, führte zuweilen zur Neuentstehung der creative economy im Bereich der Wissens- und Kulturarbeit (Reckwitz 2017, S. 186) oder zumindest zur Belebung – wenn nicht sogar dem Struktur- und/oder Kulturwandel – ganzer Industriezweige (den creative industries, die sich bei internationalen Großkonzernen, regional oder sogar international vernetzten Mittelständlern aber auch Kleinunternehmen inkl. Start-ups und Freelancern finden lassen; Reckwitz 2017, S. 186).
Leitlinien und Empfehlungen für Coaches und das Coaching
Vermutete Konsequenzen für den Service „Coaching“
Obwohl Coaching in seinem co-kreativen Prozess generell nicht als klassischer Service, als Dienstleistung i.e.S. gesehen werden kann, ist es gerade diese, sich jeder Standardisierung sträubenden Besonderheit, die es zu keiner „stabilen Entität“ macht, sondern nach Reckwitz (2017, S. 188) einem „offenen, der Gestaltung zugänglichen Kulturgebilde“ macht, die eigentlich als Prototyp von „Singularisierungsarbeit am bzw. mit Menschen“ gesehen werden könnte, da es die Einzigartigkeit des Wollens, Fühlens, Denkens und Handels des Individuums in Bezug zu dessen relevanten Umwelt heraus– bzw. bearbeitet. In Ermangelung eines passenderen Wortes soll im Folgenden jedoch weiterhin von den Services des Coachings gesprochen werden und die nach Reckwitz typische Felder der Singularisierung in der Lebens- und Arbeitswelt – die (insbesondere in den U.S.A.) bereits existieren, oder dabei sind, sich explizit als Coaching-Dienstleistung zu etabliert – kurz skizziert werden.
Ausgestaltungen im Bereich „Lebensführung“
Als zentrale Bausteine eines singularistischen Lebensstils nennt Reckwitz das Essen bzw. Ernährung, das Wohnen und die Wohnung, das besondere Reisen und den Körper als Medium einer gelebten Bewegungskultur. Ferner die heimische Erziehung bzw. die Schulbildung des Nachwuchses, welche möglichst als maßgeschneidertes Singularisierungsprogramm für das Kind daherkommen soll. Dabei werden diese Aspekte des Alltags zu „Kulturpraktiken umgeformt, die über den bloßen funktionalen Nutzen hinaus eigenen Wert beanspruchen und von denen auch ein solcher Wert erwartet wird.“ (Reckwitz 2017, S. 308).
So bekommt im Falle des Essens bzw. Ernährung die Qualität, Herkunft und Zubereitung der Nahrungsmittel genauer gesagt die in der perfekt eingerichteten Küche zubereiteten Gerichten einen sehr hohen Stellenwert zu. Abgerundet durch die passend dazu abgestimmten Getränke und die perfekte Abfolge und Präsentation von all dem erreicht potenziell die private Esskultur bereits ein Niveau, an dem sich dann auch die Restaurants messen lassen müssen. Die außergewöhnliche, nie dagewesenen ästhetische, geschmackliche und olfaktorische Menükreation wird nicht nur von den Anhängern der „Foodies“ erwartet, sondern ist zum Standard der neuen Mittelklasse geworden, Form, denn „Du bist, was Du isst!“. Und das nicht nur bei ohnehin exklusiven Zutaten, wie z. B. Kaviar, sondern auch bei den bislang als alltäglich geltenden Lebensmitteln wie Kaffee, Bier, Brot, Schokolade, Tee etc. Was die globale Fast-Food-Kette oder das Kantinenessen von den kulinarischen Singularitäten unterscheiden soll, ist deren (1) interkulturelle Vielfalt, die (2) Offenheit für Cross-over Experimente, bei gleichzeitigem Anspruch auf deren ethische (d. h. ökologisch, lokal, nachhaltig, artgerecht) Produktion. Der (4) Restaurantbesuch sollte bei der Bereitschaft zu auch höherpreisigen kulinarischen Events möglichst sogar als Gesamtkunstwerk erlebt werden. Dass sich auch „Coaches“ diesen Bereich – wenn auch durch mehr oder minder missbräuchliche Verwendung des Begriffes „Coach“ oder „Coaching“ – dieses Feld erobert haben, sprechen die ca. 726.000 angezeigten Ergebnisse bei einer Google-Anfrage (am 10.1.2024) mit dem Suchbegriff „Ernährungscoaching“.
Hinsichtlich des Themas „Wohnen“ realisiert die neue Mittelklasse mit Reckwitz (2017, S. 314) ihre Singularisierungsbemühungen durch deren Lage, Gestaltung und Ausstattung werden. So wird für diese Klasse nicht nur beim Kauf einer Immobilie die Empfehlung „Lage, Lage, Lage“ zur zentralen Richtschnur Ihrer Entscheidung. Der Wohnort bzw. die Region, der Stadtteil und das Wohnviertel rückt ins Zentrum der gesellschaftlichen Valorisierungsdynamik. So gilt auch hier in leicht abgewandelter Form: Du bist, wo Du wohnst!“. Generell gilt Ist dieser geografisch besondere Ort gefunden, gibt man bei der Auswahl der eigentlichen „vier Wände“ der sanierten Altstadtwohnung oder gar dem Loft den Vorzug vor der Eigentumswohnung einer Wohnsiedlung oder dem Einfamilien(reihen)haus von der Stange. Ist man auch hier fündig geworden, gilt es nach Reckwitz (2017, S. 37) durch die „Klarheit, Ruhe und schlichte Eleganz einerseits, Interessantheit und kulturelle Diversität andererseits“ ein Interior Design zu verwirklichen. Ziel ist es, dass durch die Raumqualität (umgesetzt durch z. B. Schnitt, Farbe, Anordnung etc.) jedes sorgsam ausgewählte und arrangierte Möbelstück, jedes mit einer persönlichen Geschichte verbundene Accessoire der Eindruck eines möglichst lässigen, weltoffenen Kulturkosmopolismus erzeugt wird. Die Inneneinrichtung der Wohnung wird parallel zu Prozess der Selbstverwirklichung zur Daueraufgabe und dient dazu „sich vor sich und vor anderen zu inszenieren – ermöglicht es jedoch auch ganz man selbst zu sein (Reckwitz 2017, S. 316). Unterstützung, was man von diesem Lebensprojekt warum und wie realisieren kann, bieten deutschlandweit gemäß einer Google-Abfrage im Januar 2024 ca. 1.630.000 „Finanz-Coaching“ und ca. 68.500 „Interior Design Coaching“ an. Wiederum gilt, dass auch hier unklar bleibt, was die Anbieter dabei unter Coaching verstehen und einsetzen.
Wenn Vertreter:innen der spätmodernen Akademikerklasse reisen, dient dies nicht nur in Deutschland der Abwechslung und Erholung, sondern hat dies nach Reckwitz (2017, S.320f.) eine zentrale identitätsstiftende Funktion. So geht es bei der Kuratierung um nicht weniger als durch den sorgsam geplanten, jedoch nicht bindenden Verlauf, besondere Moment an einem besonderen Ort zu erleben. Erzeugen sorgsam arrangierte Posts auf Instagram auch noch Neid, kann die Reise als voller Erfolg verbucht werden. Fernab des industrialisierten Massentourismus möchte die Globetrotterin in außeralltäglichen Momenten anregendes, interessantes und auch ein wenig Herausforderndes oder sogar Überraschungen (auf dem Trip durch Indien) erleben. Am besten als „Geheimtipp“ unter seinesgleichen gehandelt, und egal ob auf Schusters Rappen, per Anhalter, mit dem Fahrrad, Zug oder Flugzeug reichen die Reisetypen von jugendlich-improvisiert bis zu luxuriös und exklusiv. Überdies ist es gleichgültig, ob sich die anvisierten, authentischen Momente bei einer Bildungs-, Gesundheits- oder Entspannungsreise einstellen. Die dann fotografisch und womöglich auch noch schriftlich in einem Reisetagebuch dokumentierten gesammelten Reiseerlebnisse werden als Stationen in einem Leben womöglich zusätzlich in einer Reisebiografie verarbeitet. Zudem können derartige Biografien schon in sehr jungen Jahren durch einen schulischen und/oder universitären Auslandsaufenthalt beginnen. Insbesondere bei den kosmopolitischen Unternehmungen wird deutlich, dass neben er erwünschten Horizonterweiterung Reisen gerade in diesen Fällen eine Statusinvestition ist. Dass sich mit größerer Wahrscheinlichkeit auch der gewünschte „Return on Investment“ einstellt, versprechen bei einer Google-Abfrage im Januar 2024 35.600.000 Angebote mit dem Suchbegriff „Reise-Coaching“ die Erfüllung dieses Wunsches.
Diente der Körper in der industriellen Mittelklasse mit Reckwitz (2017, S.325) noch als Mittel zum Zweck der Erwerbsarbeit, wurde er im postindustriellen Zeitalter bis vor Kurzem noch von den Kopfarbeitern meist einfach ignoriert. Präferierte man Sport in der großen Masse überwiegen als passiv rezipierten Breiten- bzw. Publikumssport, ist er für die neue Mittelklasse durch vielfältige Singualrisierungsbereiche eine Möglichkeit zur Erhöhung des sogenannten „Subjektkapitals“ (Reckwitz 2017, S. 326). Zu diesen zählen erstens die über Selbstvermessung z. B. Smartwatches oder Fitnesstracker kontrollierte Fitness- bzw. Gesundheitskontrolle, zweitens die Erhöhung der Attraktivität des Körpers mittels Mode, Kosmetik, Hairstyling, Körperaccessoires und auch Schönheitschirurgie, drittens eine möglichst Geist und Körper trainierende Bewegungskultur. Als Wege zu Singularisierung in diesen Bereichen, dient bei der Bewegungskultur die Auswahl einer Aktivität mit lokalen und/ oder historischen-kulturellen Wurzeln, wie z. B. Tai-Chi, Yoga oder Tango und Salsa. Auch die Wahl einer Extremsportart mit potenziell ekstatischen Grenzerfahrungen wie z. B. Freeclimbing, Base-Jumping oder Apnoetauchen eignen sich zum einen gut dazu, aus der Masse der „nur“ sportlich Aktiven herauszustechen – zum anderen einen reizvollen Gesprächsstoff in den Small Talk der nächsten Party einbringen zu können. Erlaubt die körperliche Aktivität darüber hinaus improvisatorisches Experimentieren mit den eigenen körperlichen Möglichkeiten, ermöglicht dies darüber hinaus, die einen eigne körperliche Ausdrucksweise (z.B. im Tango) zu kultivieren. Dass dabei – wenn möglich – einer Outdoor-Variante der Vorzug gegeben wird, um das Flow-Erleben im sinnlichen Kontakt mit der Natur noch zu steigern, versteht sich fast schon von selbst. Läuft der (Laien-)Sportler dann noch als Sieger über Körper, Geist und die Mitwettbewerber z. B. beim „Iron Man“ oder „Boston Marathon“ durch die Ziellinie, ist das geradezu heldengleiche Herausstechen aus der grauen Masse und unzählige, bewundernd-neidvolle Likes auf den sozialen Medien nahezu sicher. Allein die ca. 301.000 Nennungen mit dem Suchbegriff „Sport-Coaching“ Google-Abfrage im Januar 2024 machen deutlich, dass nicht nur die „Personal Trainer“ der V.I.P.s in den USA sich bereits sehr gut etabliert haben.
Eine schon bei den Kindern der neuen Akademikerklasse ansetzende Singlarisierungsbestrebung ist deren Erziehung z. B. in Form der sorgsamen Auswahl der Schule (Reckwitz 2017, S. 329). Hier gilt es – wenn finanziell und institutionell möglich – den Nachwuchs so früh wie möglich dem unterbesetzten und schlecht ausgestatteten Kindergarten bzw. den gleichmacherischen, durchrationalisierten und unterfinanzierten allgemeinbildenden Schulen zu entreißen. Zeitlich, beziehungsmäßig und thematisch einer möglichst „intensiven Elternschaft“ verschrieben, erhält jedes Kind mit seiner ganz speziellen Begabung durch vielfältigste kulturelle Angebote (Kunst, Musik, Fremdsprachen, (Natur-)Ausflüge, Fernreisen etc.) die Chance maximal gefördert werden. Mittels eines autoritativen Erziehungsstils soll die nächste Generation zu autonomen, selbst motivierten einzigartigen Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl herangezogen werden, welche sich u.U. anpassen können – wenn es denn will. Dazu werden Bildungsstätten bevorzugt, die als besonders ambitioniert und kreativ gelten. Auch verwurzelt im klassisch-bürgerlichen Denken, nachdem Investitionen in Bildung nachhaltige Investitionen in den späteren beruflichen und damit finanziellen Erfolg und letztlich sozialen Status sind, schickt man den Nachwuchs sofern möglich auch gerne in eine Privatschule. Durch (Peer-)Mentoren und zuweilen auch (Peer-)Coaches wird durch die vielfältigen Stimuli zur Persönlichkeitsentwicklung gezielt auf des „Humankapitalkonto“ zurückbezahlt bzw. eingezahlt (Reckwitz 2017, S. 332). Die wachsende Relevanz des Themenfelds wird schnell ersichtlich, wenn Google bei einer Abfrage im Januar 2024 mit dem Begriff „Schüler-Coaching“ ca. 15.600.000 und mit der Begriffskombination „Erziehungs-Coaching“ ca. 3.660.000 Ergebnisse angezeigt werden.
Wie auch bei den entsprechenden Angaben der vorherigen Themen der Lebensführung, ist nicht klar, wie bei diesen Angeboten das Thema „Coaching“ verstanden wird. Zu erwarten wäre, dass sie wie das Leben vielfältig, z. T. widersprüchlich und mit vielen Grauzonen versehen sind.
Ausgestaltungen im Bereich der Arbeitswelt der Creative Economy
Die Kulturökonomisierung der Arbeitswelt realisiert sich nach Reckwitz in zweifacher Weise. Zum einen in der Art des Arbeitens und Organisierens in der creative economy (Reckwitz 2017, S. 186) – zum anderen durch die Formen der Selbst- und Fremdsingularisierung der Belegschaft (Reckwitz 2017, S. 201) in diesem Umfeld.
Hinsichtlich der (a) Art des Arbeitens und Organisierens geht es dabei in einem kreativen Arbeitsprozess als Einzelperson oder in Teams (oder ggf. sogar mit Kunden durch einen Design Thinking Ansatz) singuläre Güter – z. B. Dinge, Texte/Bilder/Töne, Dienstleistungen, Events – zu produzieren, welche einen ikonografischen Charakter besitzen und die den Wunsch nach Einzigartigkeit, Originalität, Ästhetik und Echtheit wachrufen und auch nachhaltigen befriedigen können. Da die dazu erforderliche Kreativität meist leichter durch die synergetischen Interaktionen von singulären Einzelpersonen innerhalb einer Gruppe entsteht, ist das Projekt bzw. Projektarbeit die „singularistische Form des Sozialen par excellence, welche die bürokratische Struktur der Matrixorganisation mit Ihrer sozialen Logik des Allgemeinen [zunehmend] verdrängt“ (Reckwitz 2017, S. 193). Diese eher formal-strukturellen und prozessualen Aspekte der Arbeitsorganisation werden ergänzt durch die informellen Organisationsprinzipien der Unternehmenskultur bzw. entsprechende Netzwerke (Reckwitz 2017, S. 196) innerhalb der Organisation und auch zwischen Organisationen. Beides schafft eine unverwechselbare organisatorische Einzigartigkeit, von der manche Managementtheoretiker behaupten, dass sie, vor den eigentlichen Produkten oder Dienstleistungen einer Firma, der stärkste Schutz vor Nachahmern in einem kompetitiven Markt wären. Dass in der Zukunft Coaches, Ansätze des Design Thinking (Stenzel 2022, S. 274), Team-Coaching (Stenzel 2022, S. 375f.) und (Kultur- bzw.) Organisationsentwicklung (Stenzel 2022, S. 190, 375f.) größere Relevanz erlangen könnten, ist daher nicht nur für Stenzel (2022) unübersehbar.
Die (b) Prozesse Selbst- und Fremdsingularisierung der Belegschaft zeigen sich in der Verschiebung von (formaler) Qualifikation, einem traditionellen Leistungsbegriff sowie Stellen- bzw. Funktionsbeschreibungen oder Laufbahn industrieller Arbeitssysteme hin zu den postindustriellen Systemen, welche nun durch die weniger scharf konturierten Konzepte von Kompetenz bzw. Potenzial (Stenzel 2022, S. 314f.), Performance (Stenzel 2022, S. 226, 335), Profil (Stenzel 2022, S. 336) und Erwerbsbiografie (Stenzel 2022, S. 332f) abgelöst werden. Interessant bei den Prozessen Selbst- und Fremdsingularisierung ist, dass sie meist von den Betroffenen selbst mit vorangetrieben wird – und insbesondere die Fremdsingularisierung in ihren traditionellen Ansätzen nicht nur von den jüngeren Generationen sogar immer stärker abgelehnt wird oder als konfliktär erlebt wird. Aber auch die Spannungsfelder des (Beamten-)Künstlerdilemmas (Reckwitz 2017, S. 217f.) und die Tücken (Informalsierung, Personalisierung, und Zufallsabhängigkeit) der Superstarökonomie (Reckwitz 2017, S. 219f.) schaffen potenziell große Bedarfe an Coaching. Ein Coaching, welches dann entweder aktiv die individuenspezifische, singuläre Versöhnung bzw. Harmonisierung der Antagonismen er- und bearbeitet – oder aber eben kurativ die misslungene Symbiose.
Vermutete Konsequenzen für den Coach und das Coaching
Wie Eingangs geschildert machte sich erst die akademische Mittelklasse der Spätmoderne im Zuge der 1968er daran, dieses Paradoxon zwischen statusorientierter Bürgerlichkeit und dem Lebensstil der Bohème oder später den Hippies in der ungewöhnlichen und spannungsgeladenen Symbiose der „erfolgreichen (!) Selbstverwirklichung“ symbiotisch aufzulösen und als dauerhaften Lebensstil von Statusorientierung und partiellen Akzeptanz von Nivellierung bei gleichzeitiger Entfaltung der Individualität zu etablieren. Abstrahierend könnte man sagen, dass der Reckwitzsche Blickwickel sehr deutlich macht, dass das Coaching i. A. und der „Business-Coach“ (insbesondere im Rahmen eines „Karriere-Coaching“) genau mit und fortwährend an diesem immanenten Widerspruch seit seinen Anfängen in den 1980er arbeitet. Konkret heißt dies, dass er versucht, die Klient:in dabei zu unterstützen, ihren eigenen, singulären Weg zwischen den Leistungs- und Normierungsansprüchen der Gesellschaft oder des Unternehmens und der Verwirklichung der eigenen Interessen, Wünschen und Sehnsüchte zu finden. Je nach ideologischen Wurzeln könnte Coaching daher positiv als hilfreiches Unterstützungsangebot in der spätmodernen Welt gesehen werden – oder aber eben als systemstabilisierende Reparaturprozesse in einer das Individuum latent überfordernden Gesellschaft. Den Gedanken von Reckwitz folgend, wären Coaches aktuell daher als Prototypen bzw. Agenten oder sogar Promotoren der Singularisierung in der postmodernen Gesellschaft zu sehen.
Leitlinien und Empfehlungen für Coaches – eine Zusammenfassung
Wurden die Empfehlungen für die Praxis bereits in den jeweiligen Textpassagen „Vermutete Konsequenzen für den Service ‚Coaching‘ sowie den Konsequenzen für den Coach bzw. das Coaching jeweils detailliert dargestellt, geht es für den Coach letzten Endes immer darum, ihre/seine individuelle Nische in der Vielfalt der Themen zu identifizieren. Konkrete Beispiele für die (neuen) Anwendungsfelder finden sich bei Lippmann, E. (2025; in Vorbereitung). In der Umsetzung heißt dies letzten Endes jedoch, zumindest die drei folgenden, basalen Fragen sorgfältig zu beantworten: Was interessiert mich bzw. wo will, ich hin, was bringe ich dafür bereits mit und was muss ich ggf. neu hinzulernen?
Die vermutlich zunehmende Anzahl der Coaches in den kommenden Jahren lässt jedoch eine tiefgehendere und professionellere Herangehensweise als sinnvoll erscheinen. Konkret heiß dies eine Art Business-Plan in Form eines sogenannten „Business-Canvas“ (neu) zu erstellen. Eine sehr pragmatische Anleitung dazu gibt das Buch „Das Coaching-Business“ von Middendorf & Webers (2022, S. 29–41). Da viele angehenden Coaches im Business arbeiten wollen, jedoch Jahrzehnte als normale Angestellte ihren Dienst getan haben, ist dies eine Herangehensweise, welche hilft die „Denke“, die verschiedenen Einflussfaktoren von potenziellem Geschäftserfolg in stark kondensierter Form für das eigene Geschäftsvorhaben durchzuarbeiten. Parallel ermöglicht dieser Ansatz, die vielschichtigen Themen, Zwänge, Dilemmata und die Herausforderungen in bzw. vor denen viele Klient:innen in normalen Unternehmen stehen, zumindest zu erahnen. Im Idealfall macht dies auch die eigene, vielleicht etwas zu blauäugige, ggf. das eigene Profil und Wissen überschätzende oder einfach zu optimistische Herangehensweise bewusst. Diese nicht immer angenehme Erdung erhöht im Gegenzug womöglich jedoch die Ankopplungsfähigkeit bei Klientinnen in Unternehmen. Denn naive Träumer oder gar dogmatische Missionare haben es dort eher schwer!
Quelle
