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Generative KI: Konkurrenz und/oder Partner für die verschiedenen Player im Coaching?

Betrachtet man die letzten 5-8 Jahre, müssen wohl auch die technoskeptischsten Coaches anerkennen, dass die Digitalisierung auch in ihrem Arbeitsbereich angekommen ist. Trotz anfänglicher Vorbehalte ist Online-Coaching spätestens seit COVID-19 zumindest normaler geworden. Einige der Mitte der 2010er Jahre gegründeten IT-plattformgestützten Digital Coaching Provider (DCP) erfreuen sich zunehmender Nachfrage durch Unternehmen, und etablieren sich infolgedessen wirtschaftlich sowie als feste Größe im Coachingmarkt. Technikaffine und innovationsfreudige Vertreter des Berufsstandes nutzen zuweilen die Wearables (z.B. Smartwatches) oder Smartphones ihrer Klienten als Erinnerungshelfer oder für einen Mini-Chat über Erfolgsmeldungen. Andere experimentieren zur Minimierung des Lern- bzw. Verhaltenstransfers sogar schon mit VR-gestützten Coaching-Sessions, indem sie darüber spezielle Lernwelten (z.B. eine Rednerbühne in einer großen Konferenzhalle) simulieren. Selbst die für Technik offenen Coaches waren sehr überrascht hinsichtlich des frühen Markteintritts, als im September 2022 die Freischaltung des Chatbots ChatGPT durch „OpenAI“ verkündet wurde. Seine einfache Nutzung und Bedienbarkeit selbst für technische Laien über die natürliche Alltagssprache, führte zu einem nie dagewesenen KI-Hype. So hatte nicht nur Stenzel (2022, S. 397 ff.) in seinen Überlegungen hinsichtlich der Zukunft des Coaching-Business das breite Anwendungspotenzial und die damit verbundenen wirtschaft-lichen Interessen von KI-Anwendungen übersehen. So sind Chatbots gekommen, um zu bleiben. Welche Konsequenzen dies für die verschiedenen Player in der Coaching-Szene – die Wissenschaft, die Coach-Ausbilder, die Privat- und Unternehmenskunden und natürlich die Coaches selbst – haben könnte, skizziert der nachfolgende Text.

Vermutete Konsequenzen für die Wissenschaft:
Revitalisierung der Ingenieurs- und Erwachsenwerden der Cyberpsychologie

Versteht sich die Coaching-Forschung im Kern bis dato als Teil der Human- bzw. Sozialwissenschaft, welche sich eher durch die Psychologie, Medizin oder auch Soziologie inspirieren ließ, könnte sie nun fakultätsmäßig durch die Maschine Learning Systeme (MLS) die Ingenieurspsychologie des großen Wilfried Hacker (1989) als Teil der angewandten Arbeitspsychologie zu einer Revitalisierung verhelfen. Deckt dieser Wissenschaftsbereich vornehmlich die physische Mensch-Maschine-Interaktion ab, könnte die noch recht junge Cyberpsychologie (2016) der Pionierin Catarina Kratzer schwerpunktmäßig die psychische Interaktionsseite bearbeiten. Einen ersten akkreditierten Fernstudiengang dazu bietet bereits das „Academic Institute for Higher Education“ (AIHE). Neue Fragestellungen vor allem durch ChatGPT wären im Rahmen einer vergleichenden Wirksamkeitsforschung bzgl. dem Mensch-zu-Mensch-Coaching vs. Chatbot-Coaching, z.B. wann (à für welche Fragestellung und unter welchen Umständen), wie (stand-alone vs. hybrid), wo (–> Arbeits- / Berufsleben), für wen (Ziel-/ Kundengruppen) welcher Ansatz zielführender ist. Dass die dabei erhobenen bzw. anfallenden Maschinendaten geradezu eine Goldgrube für Wissenschaftler sein könnten, ist offensichtlich. Dass dem jedoch die Beachtung sämtlicher Datensicherheits- und Datenschutzbestimmungen vorausgehen muss, sollte nie vergessen werden. Die Ergebnisse der Arbeit wiederum könnten in die Erarbeitung von dringend notwendigen Empfehlungen und Qualitätskriterien in eine Art „Stiftung Warentest“ für Coachbots münden. Ein Vergleich von Coaching mit den verschiedenen Haltungen und Verfahren der Coaching-Schulen gefütterten Bots könnte eine weitere Fragestellung für die Coaching-Forschung sein. Gleiches gilt für das wirksamste Ausmaß der Menschenähnlichkeit der Bots, um initial gut ankoppeln zu können. Bleibt zu hoffen, dass die entsprechenden Vertreter diese Notwendigkeit erkennen und auch handeln, um die Brücke zwischen Wissenschaft und Alltagsleben nicht noch zusätzlich zu vergrößern.

Vermutete Konsequenzen für die Coach-Ausbilder:
Marktbereinigung durch veraltete Curricula u. technikaverse Ausbilder !?

Ein ähnlicher Handlungsbedarf ist auch bei den Ausbildern auszumachen. Verdienten diese jahrelang in klassischen Seminar-Settings über Jahrzehnte mit bewährten Konzepten in gutes Geld, ist es nun wohl an der Zeit weiterzugehen. D.h. konkret z.B. in ergänzenden, hybriden Veranstaltungen auch dem Online-Coaching bzw. den dabei eingesetzten, digitalen Arbeitshilfen (z.B. White Boards, Smartwatch etc.), dem Umgang mit Coaching-Plattformen wie CAI (https://www.cai-world.com/online-collaboration-coaching ), den Digital Coaching Providern (DCPs, wie Sharpist, BetterCoach etc.) sowie mit Coachbots und den damit verbundenen ethischen Überlegungen einen festen Platz im Curriculum zu geben. Besonders innovative Ausbildungsunternehmen eröffnen ihren Teilnehmern mittels Augmented-, Mixed- oder Virtual Reality zudem einen Blick in die potenziell komplett virtuelle Welt des Coachings. Dass diese Neuausrichtung nur mit erheblichem finanziellem und personellem Aufwand machbar ist, steht außer Zweifel. Zudem ist der Druck zur Erneuerung sicher eine gute Möglichkeit, die theoretisch vermittelten Transfor-mationsmodelle einmal wieder am eigenen Leib, im eigenen Unternehmen zu erfahren, die fachliche Kompetenz auch praktisch unter Beweis zu stellen.

Passiert hier jedoch zumindest mittelfristig nichts oder zu wenig, steht aktuell bereits der ICF Germany mit seiner neuen, mit EU-Geldern entwickelten Plattform „CoachIT“ ( https://coachit.online/ ) bereit, um das Manko von digitalen Aspekten in der Coaching-Ausbildung aufzufangen. Dass dieses bis dato kostenlose Angebot des Verbandes indirekt auch um neue Mitglieder und die eigenen Zertifikate bzw. Akkreditierung wirbt bzw. diese aufwertet, ist dabei wohl ein willkommener Nebeneffekt. Die Historie und den bedenklichen Stand der Coaching-Weiterbildung schildern Passmore & Woodward (2023) in ihrer Publikation mit dem selbst-sprechenden Titel: „Coaching Education: Wake up to the new digital and AI Coaching revolution!“

Vermutete Konsequenzen für die Privat- bzw. Unternehmenskunden:
Generative KI in bald allen Lebens- und Arbeitsbereichen!?

Dass Passmores „Aufwachen“ durch ChatGPT in der breiten Masse erfolgte und damit endgültig aus der „Ecke der Nerds“ herausgekommen ist, dafür sprechen die nur zwei Monate zur Erreichung der global magischen 100-Millionen-Nutzer-Schwelle. Zum Vergleich: Tiktok benötigte dazu 9, Instagramm 30, Pintrest 41 und Spotify sogar 51 Monate. Die Verbreitung des alltagstauglichen, generativen Systems in der breiten Öffentlichkeit gleicht daher eher einem Siegeszug, der das Verhältnis zu der zuvor eher mit Respekt und Vorbehalten belegten KI – wie COVID hinsichtlich des online-Coachings – zumindest mittelfristig bei allen interessierten Kunden-gruppen verändert hat oder noch verändern wird!

Nicht nur „aufzuwachen“, sondern auch wachzubleiben empfiehlt sich auch schon deshalb, da durch Investitionen von Millionen in den eingangs erwähnten „KI-Lifecoach“ von Google/Alphabet dieser möglicherweise bald samt Smartphone zu unserem digitalen Alltag gehören wird. Ein weiterer, bereits angekündigter LLM-gestützter Alltagsbegleiter wird der sogenannter „Copilot“ in Windows 11 bzw. der 356 Office-Lösung (Microsoft, 2023) von Microsoft sein. Als hilfreicher Geist mit technischen Ratschlägen und Vorschlägen bei der Nutzung der verschiedenen Programmmodule (z.B. der Foliengestaltung mit PowerPoint oder Auswahl der richtigen Formel in Excel) wird er den Anwendern permanent zur Seite stehen (Panay, 23.5.2023). Ergänzt werden diese sogenannten „Produktivitätstool“ bereits durch die heute schon integrierte KI-Anwendung „bing-Chat“ in der Suchmaschine „Edge“ von Microsoft oder „Bard“ (https://bard.google.com) in Chrom, dem Browser von Google.

Als Konsequenz der enormen Popularisierung der MLS bei den Coach-Klienten eben nicht nur in Unternehmen, ist es sehr wahrscheinlich, dass zum einen die Akzeptanz der Interaktion mit einem Chatbot enorm ansteigen wird – zum anderen durch die aktuelle und sich stetig weiterentwickelnde Leistungsfähigkeit der Chatbots der IT-Giganten auch die Ansprüche und Erwartungen an einen dann spezialisierten Coachbot steigen werden.

Die erste Generation der Coachbots mit Namen wie z.B. VICI (AI Coaching) AIMY (CoachHub) Alpina (evoach)oder CAI (EZRA) sind zumindest schon sehr vielversprechend und werden den dahinterstehenden Start-ups bzw. DCPs (jeweils in den Klammern zu finden) helfen, sich bei den verschiedenen Kundengruppen zu profilieren und zu differenzieren. Wann und in welchem Kontext sie als Spezialanwendungen letztlich eine Marktnische erobern werden, hängt mit großer Wahrscheinlichkeit auch von der weiteren Resonanz der oben beschriebenen Bots in den Großkonzernen ab. Es ist jedoch anzunehmen, dass spätestens in der (Mitarbeiter-)Generation Alpha (geboren zwischen 2010-2025) „der (Coach)Bot an meiner Seite“ – wie heute das Smartphone – bei allen Kundengruppen zur Normalität gehören wird. Die über die Jahre wachsende Nachfrage und der Erfolg einer der älteren, „digitalen Partner:innen“, wie der „Gesundheitscoach“ „Woebot“ (https://woebothealth.com/ ) bereits seit 2017 oder die gleichaltrige „Replika“ (https://replika.com/) als KI-Freund:in könnten dafür ein valides Indiz sein. Denn gemäß dem Werbeslogan wird es in der virtuellen Parallel- bzw. Cyberwelt sie sein, die sich „um Dich kümmert und immer da ist, um zuzuhören und mit Dir zu sprechen!“ –vorbehaltlos und ohne eigene Bedürfnisse!

Vermutete Konsequenzen für die Coaches:
KI kennen und klug nutzen

Vergegenwärtigt man sich die Erfolgsgeschichten der soeben genannten und über Jahre hin weiterentwickelten Chatbots, erhält die bange Frage nach der auch zukünftig langfristig noch möglichen Behauptung im Markt mit wahrscheinlich weitaus teureren Angeboten eine gewisse Berechtigung. Meinte man bis vor kurzem, dass insbesondere kreative und stark von Interaktion dominierte Service-Berufe bzw. White-Collar-Jobs (wie z.B. Beratung, Verkauf, Marketing, Organisation bzw. Management) von der KI nichts zu befürchten haben, wurden viele durch ein plötzlich eigenständig malendes, designendes, textendes, dichtendes, komponie-rendes, beratendes, planendes und programmierendes System namens „ChatGPT“ eines Besseren belehrt. Daher war es eigentlich wenig überraschend festzustellen: Chat CPT kann (mit Einschränkungen) auch „coachen“ (Stenzel 2024). Als Folge schießen seit kurzer Zeit auch LLM-basierte Coachbots (s.o.) wie Pilze aus dem Boden. Die eingangs leicht zugespitzte Frage nach dem neuen Konkurrenten im Markt ist daher sicher angebracht. Sie muss jedoch vom Mindset in eine differenziertere Betrachtung übergehen bzw. eher von einem Erleidens- in einen Handlungsmodus wechseln. In diesem Handlungsmodus gilt es zum einen das dahinterstehende generative System bzw. LLM in seinen Stärken und Schwächen kennenzulernen, darauf basierende Produkte bzw. Chatbots praktisch im Selbsttest auszuprobieren sowie sich der eigenen, menschlichen Tendenz zum bereits erwähnten Anthropomorphismus bewusst zu werden. Es wäre daher wünschenswert, dass nicht nur Nerds auch dieser technologischen Innovation mit nüchternem Basiswissen und breitem Interesse an neuen Entwicklungen in diesem Bereich begegnen würden.

Dabei ergeben sich dann – womöglich wie bei Stenzel (2022, S. 56, Abb. 2.6) – Ideen, wie ein MLS administrativ den Coaching-Service unterstützen könnte, bzw. das Gesamtportfolio von Coaching-Formaten Coaching sinnvoll durch die verschiedensten digitalen Helfer modernisiert werden könnte (siehe auch Stenzel 2022, S. 49, Abb. 2.7). Dabei könnte der Coachbot entweder als eigenständiger Service angeboten werden, als Assistent für dokumentarische bzw. vor- und nachbereitende Tätigkeiten dienen oder aber im Rahmen eines hybriden Services nur Teile des Coachings übernehmen. Derart würde das Coaching-Portfolio von einem kostengünstigen „Selbstcoaching“ durch einen Coachbot, über ein ebenfalls kostenoptimiertes „Bestseller-Coaching“ bis hin zum High-End Produkt eines „Kunsthandwerks- oder Manufaktur-Coachings“ (Stenzel 2022, S. 276) reichen, welches je nach Kundenwunsch und Themenstellung maßgeschneidert die komplette Klaviatur von High-Tech bis High-Touch-Angeboten meisterhaft spielen kann. Zentral wird zur Legitimation der höheren Kosten für das High-Touch-Coaching sein, dass für den Klienten deutliche Qualitätsunterschiede zwischen Mensch und Maschine wahrnehmbar sein werden. Mit großer menschlicher Reife fachlich hoch professionell und technisch versiert zu agieren, wird daher das wichtigste Cluster von Alleinstellungsmerkmalen erfolgreicher Coaches in den kommenden Jahrzehnten sein.

Beinhaltet die menschliche Reife auch eine ethische Verantwortungsdimension, ist zumindest die Alphabetisierung – die sogenannte „Literacy“ – bzgl. ethischer, technischer und datenschutztechnischer Fragestellungen, wie auch dem Wissen, um die Gefahren bei der Nutzung der digitalen Technologien eine Selbstver-ständlichkeit. Stenzel (2022, S. 408ff.) beschreibt dies in der Triade der Ethical -, Data-, Human- und Privacy Literacy. Sie könnten zukünftig als ein „Must“ in jeder verantwortungsvollen Coaching-Ausbildung gesehen werden.

Ausblick

War ChatGPT im vergangenen Jahr in aller Munde und allen Medien bzw. führte es zu Reaktionen, die gefühlt von fieberähnlichen Begeisterungszuständen bis hin zu angstgetriebenen Schweißausbrüchen reichten, wird auch diese technische Neuerung hinsichtlich der öffentlichen Aufmerksamkeit den vier Phasen des Hype-Cycles der Gardner-Beraterin Jackie Fenn folgen. Konkret heißt dies, dass dem „Gipfel, der eben auch überzogenen Erwartungen“ – des „Hypes“ – der Absturz in das „Tal der Enttäuschung“ folgen wird und erst nach einer Phase der durch die Realität geerdeten Berichterstattung in der sogenannten „Phase der Erleuchtung“ (und Ernüchterung) das „Plateau der Produktivität“ erreicht wird. Dabei sollten wir jedoch – dem „Gesetz“ des Futuristen, Roy Charles Amara, folgend – die Auswir-kungen einer Technologie auf kurze Sicht nicht überschätzen – auf lange Sicht jedoch auch nicht unterschätzen. So täte die Coach-Community gut daran, sich an der entsprechenden Diskussion informiert zu beteiligen und diese Zukunft in ihrem Bereich zumindest mitzugestalten. Ansonsten werden es andere, weniger kundige Personen tun, deren Interessen wahrscheinlich eher monetär geprägt sind. Eine neue und verschärfte Konkurrenzsituation wäre vorprogrammiert. Lieben die Coaches ihre Profession, ist Ignoranz eigentlich keine Option.

Quellen

  • Academic Institute for Higher Education. MSC Cyber Psychology of Online Communication https://academic-institute.com/studiengaenge/msc-cyber-psychologie-fuer-online-kommunikation-3-semester/ (zugegriffen am 10.09.2023)
  • Hacker, W. (1986). Allgemeine Arbeits- und Ingenieurpsychologie: Verlag Hans Huber. Bern
  • Katzer, C. (2016). Cyberpsychologie. Leben im Netz. Wie das Internet uns verändert. Dt. Verlagsanstalt (dtv). München
  • Microsoft (2023). Microsoft 365 Copilot. https://adoption.microsoft.com/de-de/copilot/ (zugegriffen am 13.9.2023
  • Passmore, J. & Woodward, W. (2023) Coaching Education: Wake up to the new digital and AI Coaching revolution! https://www.jonathanpassmore.com/articles/coaching-education-wake-up-to-the-new-digital-and-ai-coaching-revolution (zugegriffen am 12.09.2023)
  • Stenzel, S. (2022). Die Zukunft des Coaching-Business: Neuausrichtung an der Lebens- und Arbeitswelt des Klienten von morgen. Springer Gabler (Heidelberg)
  • Stenzel, S. (2024). ChatGPT kann auch „coachen!? – Rechenpower und Algorithmen statt Sinn und Bedeutung. Organisationsberatung, Supervision, Coaching (OSC), 1.

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